Mark Benecke über die „Kriminalchronik des Dritten Reiches“

Mark Benecke on Tour

Mark Benecke on Tour

Wer kennt nicht den Madendoktor und Bestseller-Autor Dr. Mark Benecke? Nun, ich kenne ihn, und ab und an rezensiert er unsere Bücher. Jetzt wieder. Das klingt dann so:

Die „Kriminalchronik“ ist ein ganz klassischer Pitaval, also eine Sammlung von – hier zwanzig – Kriminalfällen, die ohne sozialen und kulturellen Kommentar auskommt. Das ist wegen des abgedeckten Zeitraumes (Deutschland der dreißiger Jahre) besonders erfreulich, weil die Autoren sich politische Kommentare verkneifen, die ohnehin nur wenig bis gar nichts mit dem eigentlichen Tatgeschehen zu tun haben. Kulturwissenschaftliche Autoren hätten der Versuchung sicher nicht widerstanden.
Vielleicht um die daher scheinbar „trockenen“ Fallschilderungen – oft aus Zeitungsartikeln sehr gut lesbar extrahiert – etwas lebendiger zu gestalten, tappt Wolfgang Krüger stilistisch hin und wieder in die Falle. Beispielsweise hat er eine übergroße Freude an Ausrufezeichen und einem gewissen Retro-Stil:
„Ebenso entdeckte er einige Gegenstände, die Dr. Kraus geraubt worden waren!“  – „Doch merkwürdigerweise hatte keine einzige Gaststätte in der näheren und weiteren Umgebung bis Lautenthal an jenem Tage derartige Bohnen verabreicht!“ – „Das Spiel war aus!“

Mir macht das gar nix, ich kannte trotz meiner ultrafetten Sammlung alter Kriminalakten keinen einzigen der im Buch geschilderten Fälle und bin froh, die ordentlich berichteten, wahren Ereignisse so schön und sachlich nachvollziehen zu können.
Die moderne Forensik-Fiktion mit Hubschraubern, teuren Geräten und auf Knopfdruck erstellten Gutachten spielt in der „Kriminalchronik“ natürlich keine Rolle, und das ist auch gut so. Man kann wie in den alten Pitavals nacherleben, dass Fälle zwar mit Action und Getue, aber auch klassisch durch Zeugenaussagen und das Zusammenpuzzeln von zeitlichen Abläufen gelöst werden. Es ist nur eben etwas komplizierter und vor allem für den Richter schwieriger, zu entscheiden, was Sache ist. Prima, sich das noch einmal klar zu machen.

In diesem Zusammenhang ist die im Buch immer mal wieder kurz dargestellte Rolle der SA bei den Ermittlungen spannend. Die Einverleibung und Untergrabung der deutschen Polizei durch Nazi-Organisationen, die ja damit endete, dass die gesamte Polizei der Gestapo unterstellt war, wird hier en passant deutlich, ist aber niemals Thema der Fall-Sammlung.
Wie immer hat Verleger Kirchschlager dafür gesorgt, dass das Buch auch ein echtes Buch ist: Hardcover, Lesezeichen-Bändchen, gutes Papier.  So weit es mach- und druckbar war, sind auch Fotos beigefügt und – besonders fein, da bei Kirchschlagers nicht immer der Fall – die Quellen detailliert aufgeführt. So können künftige KriminalistInnen und Interessierte leichter nachrecherchieren, was sie an den schönen Fällen reizen könnte.

Über die einzelnen Fälle will ich übrigens weiter gar nichts sagen, alleine die Überschriften  zeigen, dass es sich – egal, ob sie nun wirklich Aufsehen erregend sind oder nicht – um schöne, interessante, lesenswerte und vor allem endlich wieder ausgegrabene Fallschilderungen handelt: „Ehemann im Backofen verbrannt“, „Die Mutter geht tanzen, die Kinder verhungern“, „Rattengift im Kirschkompott“ und so weiter.
Ich finde es knorke, dass die alte Literaturgattung „Pitaval“ hier wieder mit Herz und Seele und damit Wind für die papiernen Segel versehen wird. Prima! Die Recherche zum Buch war richtig viel Arbeit, und ich freue mich auch deswegen schon auf die folgenden Bände der Serie.

Wer übrigens mehr über das Urgestein der Forensic – Dr. Mark Benecke – wissen will, der schaue mal auf seiner Internetseite rein. Er war es auch, der Hitlers Zähne untersuchte und in unserem Band über die „Historischen Serienmörder“ den Beitrag über Garavito schrieb. Siehe bei Links!