Ausgewählte historische Quellen zu Steinschleudern – Steinerne Zeugen – die Blidensteine (Teil 5)

Keine Blide hat die Zeiten überdauert, wohl aber die mit ihr geworfenen Blidensteine, die Munition der Steinschleudern. Die erforderlichen Konstruktionsmaße der Runneburg-Blide orientierten sich an den Größen bzw. den Gewichten, der auf der Runneburg gefundenen kaiserlichen Blidensteine von 95 bis 105 Kilogramm Gewicht. Von „Blidenkugeln“ kann man bei dieser in der erstmalig in der deutschen Artilleriegeschichte verwendeten Munition noch nicht sprechen, wohl aber war man bemüht ihnen eine rundliche Form zu geben, was die Form der „Findlinge“ und Abschlagsspuren (nicht Aufschlagsspuren) beweisen. Zwar kann man bei den Blidensteinen der Runneburg noch nicht von gerundeten oder kalibrierten Blidensteinen sprechen, wohl aber ist eine relative „Kalibrierung“ auf ein mittleres Gewicht von 100 Kg unverkennbar. Die Kalibrierung von Blidensteinen (also ersten Wurfsteinen) zu „Blidenkugeln“ (ein jüngerer Terminus), ist bereits für 1244 belegt und Marinus Sanutus merkt 1321 an, daß man die Steine zu Kugeln formt. Bereits Aegidius Romanus weiß, daß die Steine für die Maschinen1 immer gewogen werden müssen, wenn man ein bestimmtes Ziel genau treffen will.2

Emil neben einer Blidensteinpyramide, von denen es auf Burg Burghausen zwei gibt. Mindestens 100 Blidensteine (neben granitenen neueren Steinkugekln!) liegen im Burggelände von Burghausen. Einige Exemplare sollten unbedingt ins Museum geschaft und gesichert werden. Ein Stein weist sogar ein Steinmetzzeichen auf.

Deutlich erkennt man das Steinmetzzeichen. In älteren Publikationen findet man immer wieder den Hinweis, die runden Steine hätte man bei Angriffen den Burgberg hinab gerollt. Ohne eine Blide durchaus sinnvoll… zumindest, wenn man gar nichts mehr hat, was man auf den Feind werfen, schießen oder schleudern kann … Nein! Bei den kalibrierten Blidensteinen von Burghausen handelt es sich um mindestens einen Satz für eine Maschine (in etwa vergleichbar mit einem „Geschützsatz Granaten“).

Blidensteine, ob archäologisch ergraben oder in welchem Burgmuseum auch immer verwahrt, liefern einen sicheren Nachweis für die Existenz bzw. für den Einsatz von Bliden. Sie wurden als „Satz“ mitgeführt oder vor Ort hergestellt. Manchmal auch anderen Orts gebrochen, wie die Steine der Aachener Blide, die zu Nydeggen gebrochen wurden.3

Archäologische Funde von Blidensteinen, die sich durch schriftliche Quellen für eine Belagerung mit einer oder mehreren Bliden zudem häufig belegen lassen, sind so zahlreich, daß sich eine Bestandsaufnahme aller Blidensteine in Deutschland und darüberhinaus lohnen würde. In Thüringen haben sich Archäologen die Mühe gemacht und etwa 20 Blideneinsätze zwischen 1212 (Runneburg)4 und 1451/1452 (Sächsischer Bruderkrieg) ausgemacht und Blidensteine zugeordnet.5 Die Gewichte der Steine schwanken zwischen 20 und 100 Kilogramm, ein zweifelsfreier Beleg für unterschiedliche Größen der Wurfmaschinen. Dabei dürfte es noch weit mehr Fundorte von Blidensteinen geben.6 In diesem Zusammenhang besonders erwähnenswert dürften die Blidenkugeln auf dem Stufengiebel des Restaurants du Hohenstein sein, die von der Belagerung 1338 stammen und bei denen sich ebenfalls zwei Kaliber unterscheiden lassen.7

Typisches Merkmal eines Blidensteins ist neben der runden Form die abgeflachte Stelle. Sie dient dem sicheren Einlegen des Steins in die Wurfschlinge, verhindert das Wegrollen des Steins und ein Hinausrutschen des Steins beim Anziehen der Schleuder. In Selestat in der Rue de Sel (Salzgasse) sah ich einen Blidenstein (Sandstein, ca. 60 KG Gewicht), in dessen Mitte – wohl zur besseren Orientierung – zusätzlich ein Kreuz eingeschlagen war. Beim Zurechtschlagen eines Blidensteins aus Kalkstein für die Runneburg-Blide benötigte der Steinmetz mittels Schablone fünf Stunden; mit einer gewissen Übung wäre ein 50 Kg Stein in drei Stunden herzustellen.

Hinrich Prigge beschreibt zwei Schlagplätze zum Herrichten der Steinkugeln (von denen mehr als 800 nachgewiesen wurden), die zwischem dem 11. Februar 1310 und dem 9. Januar 1312 während der Belagerung der Burg Tannensee bei Beckdorf im Kreis Stade geworfen wurden. Der Umfang schwankt zwischen 100 und 116 cm, das Gewicht zwischen 94 und 101 Pfund. Alle Steine sind nordische Geschiebe (zumeist Granite) und kantengerundet (ähnlich wie die Runneburgsteine). Die meisten sind jedoch roh bearbeitet und zeigen oft mehrere handtellergroße Schlagflächen. Trotz einer allseitig gleichen Größe kann man nicht von Kugeln sprechen. Die Abstände zwischen den möglichen Standtplätzen der Blide und der Arbeitsstellen der Steinmetzte gibt er mit 200 und 350 m an. Die Entfernung des Blidenstandplatzes von der Burg betrug 95 Meter.8

Häufig lassen sich unterschiedliche und teilweise deutlich von einander abweichende „Kaliber“ feststellen, so u. a. im Bestand der Arnstädter Blidensteine.

Exkurs: Unterzieht man die in der Literatur publizierten Blidensteine einer genaueren Betrachtung, kommt man zu dem Schluß, daß es zahlreiche Größen gegeben hat. Dabei kristllisieren sich – bei vorsichtiger Betrachtungsweise – 1. leichte Bliden (Blidensteine von 10-25 KG), 2. mittelschwere Bliden (25-40 KG), 3. halbschwere Bliden (40-60 KG), und 4. schwere Bliden (ab 60 KG bis über 100 KG) heraus.

Die unterschiedlich schweren bzw. großen Bliden konnten verschiedenartig eingesetzt werden. Gruppe 1 und 2 scheiden als mauerbrechende Waffen aus, könnten aber aufgrund einer höheren Wurffolge ganz gezielt „Kampf- oder Wikhäuser“ auf den Mauern, Erker, Stellungen für Armbrustschützen und Zinnen bestreichen, von denen eine direkte Gefahr für die Belagerer ausgeht. Ein potentiell gefährlicher Gegner – auch oder besonders für Blidenmannschaften – stellt dabei zweifellos die Wallarmbrust dar. So zeigt eine Miniatur auf einer Urkunde vom 12. Mai 1316 einen von einem großen Armbrustbolzen getroffenen Blidenmeister (?) neben einer Blide. In der Bildmitte erkennt man deutlich auf dem Erker der belagerten Burg eine Wallarmbrust mit Winde.9

Die Ausschaltung oder Bekämpfung von Wallarmbrüsten und anderen Fernwaffen (Büchsen) war Teil einer später sogenannten „Artillerievorbereitung“, die den Einsatz dieser Waffen auf die eigenen Sturmtruppen verhindern sollte. Gruppe 3 und 4 kam hauptsächlich zur Mauer- und Torbrechung zum Einsatz, wobei nochmas angemerkt werden muß, daß die Größe einer Blide bzw. deren Einsatz eindeutig finanziell bestimmt war.

1 Aegidius Romanus spricht nur von Maschinen nicht von Geschützen, wie in der landläufig oft verwendeten Übersetzung von Rudolf Schneider.

2 In Feuerwerkbüchern des frühen 15. Jahrhunderts wird dieses Wissen für Büchsen weitergetragen und natürlich Waffengattungsabhängig weitaus stärker hervorgehoben. Vgl. Ferdinand Nibler (Hrsg.): Das Feuerwerkbuch (anonym, Anfang 15. Jahrhundert). Neuhochdeutsche Übertragung basierend auf der verbesserten Freiburger Handschrift MS. 362 von 1432 und auf dem verbesserten Druck bei Heinrich Stainer, Augsburg 1529 sowie auf fünf weiteren Texten. 2004, Nr. (168) Wie man in eine jegliche Büchse, sie sei groß oder klein, die Steine hauen und machen soll, dass sie richtig darein gehören. Man soll immer die Weite der Büchse messen – inwendig, beim Klotzloch! – und dann die Form (d. h. die Größe) des Steins darnach messen und abzeichnen mit einem verlässlichen Zirkel. Und wenn man den Stein haut, soll man ihn so hauen, dass er ringsum überall der Form gleich zustehe.

3 Josef Laurent: Aachener Stadtrechnungen aus dem XIV. Jahrhundert, nach den Stadtarchiv Urkunden mit Einleitung, Registern und Glossar. Aachen, 1866, S. 59f.

4Die Vermutung, Heinrich der Löwe hätte während seines Thüringenfeldzuges 1180, bei dem er Mühlhausen und Nordhausen mit Feuer verheert hatte, Wurfmaschinen (gleich welcher Art) verwendet, läßt sich anhand der Quellen nicht nachweisen. Man bezieht sich auf R. Jordan: Chronik der Stadt Mühlhausen 1 (bis 1525), Mühlhausen 1900, S. 46: „Anno 1181 (eigentlich 1180 – d. Verf.) hat Herzog Heinrich der Löwe von Braunschweig die Stadt Mühlhausen eingenommen. Er warf viele Feuerbälle hinein, bis er sie zwang und gewann.“ Die Darstellung überzeugt nicht. Gleiches gilt für die vermeintliche Belagerung der Dryburg in Bad Langensalza durch Kaiser Otto IV. im Jahre 1212. Vielmehr entsprechen die beiden Langensalzaer Blidenkugeln in Gewicht, Bearbeitung und Material (Kalkstein) denen in Arnstadt. Beide „Bestände“ entstammen den Belagerungen während des Thüringischen Grafenkrieges (Arnstadt 1342, Bad Langensalza 1346).

5Hubert Engmann, Ralf Irmer, Wolfgang Renn u. Manfred Thron: Blideneinsätze und Funde von Blidenkugeln in Thüringen. In: Neue Ausgrabungen und Funde in Thüringen. Heft 7/2012-2013, Weimar 2013, S. 203-212.

6Bei archäologischen Grabungen im Erfurter Andreasviertel (150 Meter vom Blidenhof entfernt) fand ich selbst eine Blidenkugel (mit abgeflachter Auflagestelle) aus hellem Kalkstein mit einem Gewicht von etwa 20 Kilogramm. Im Stadtgebiet von Weißensee liegt ebenfalls noch ein brauner Findling, der dem Typus der Runneburger Blidensteine zuzuordnen ist. Auf Schloß Burgk dienen Blidensteine als Radabweiser im inneren Schloßtor.

7Bernard Haegel: Die Belagerungen der Burg Hohenstein im Elsass 1251 und 1338. In: …wurfen hin in steine/ groze und niht kleine… Belagerungen und Belagerungsanlagen im Mittelalter, hrsg. v. Olaf Wagener und Heiko Laß, Frankfurt am Main 2006, S. 268-271.

8Heinrich Prigge: Burg Tannensee bei Beckdorf im Kreis Stade. In: Marburger Jahrbch 8, Marburg 1958, S. 66-83.

9Christopher Tabraham: Scottish Castles and Fortifications, Edinburgh 1986, S. 16. Es ist für alle Waffengattungen nichts ungewöhnliches, auch untypische Gegner zu bekämpfen. Leichte Bliden gegen Wallarmbrüste erinnern mich an die Verwendung von Panzerabwehrkanonen (mit Splittersprenggranaten) gegen MG-Nester.