Zur Ballistik des Blidenwerfens unter modernen artilleristischen Gesichtspunkten (Teil 7)

Um Wirkungsweise, militärischen Nutzen und Nutzung der Bliden zu verstehen, kommen wir um einige Ausführungen zur Ballistik, der „Artillerieschießkunst“ (von griech. ballain=werfen), nicht herum. Hier sei nur kurz angemerkt, daß der Verfasser bestimmte Befehle und Begriffe aus seiner militärischen Ausbildung bei der Benutzung der Runneburg-Blide – notwendigerweise – eingeführt hat (z. B. „zu gleich“ für das Herabwinden des Wurfarmes).1 Unter Ballisitik verstehen wir allgemein die Lehre von der Bewegung geschossener oder geworfener Körper. Ob die mittelalterlichen Blidenmeister bewußt mit ballistischen Problemen bekannt waren oder aber nur die Ballistik aus praktischer Erfahrung und Beobachtung (was für Blidenmeister völlig ausreichend ist, was die zahlreichen erfolgreichen Belagerungen beweisen) muß dahingestellt bleiben. Die Ballistik bestimmt die Kräfte, die auf die Geschoßbahn, d. h. die Linie, die der Schwerpunkt des Geschosses beschreibt (ballistische Kurve), einwirken. Die Flugbahn beschreibt den Weg, den ein Geschoß in der Luft zurücklegt. Ballistische Berechnungen gehen von der sogennanten v 0, der Anfangsgeschwindigkeit der Geschosse aus. Auf die Gestaltung der Flugbahn wirken Richtung, Geschwindigkeit, Drehung, Luftwiderstand und Schwerkraft ein. Unter dem Einfluß der Schwerkraft senkt sich das Geschoß, es entsteht eine gleichmäßig gekrümmte Linie (parabolische Kurve), bei der der Scheitelpunkt in der Mitte liegt und der aufsteigende Ast, d. h. der Weg vom Abwurfpunkt des Blidensteins (im Moment des Öffnens der Schlinge bzw. des Schleudersacks) bis zum Scheitelpunkt, gleich ist dem absteigenden Ast, dem Weg vom Scheitelpunkt bis zum Aufschlag des Blidensteins. Abgangswinkel (die Neigung des den Schleudersack verlassenen Blidensteins gegen die Waagerechte) und Fallwinkel (Einfallswinkel, die Neigung des Blidensteins gegen die Waagerechte am Aufschlag), Anfangs- und Endgeschwindigkeit sind gleich groß. Der Luftwiderstand beeinflußt aber die Bewegung des Blidensteins derartig, daß der Blidenstein fortgesetzt in seiner Vorwärtsbewegung gehemmt wird. Da die Schwerkraft stets gleichmäßig wirkt, das Fortschreiten in jedem Zeitteilchen jedoch abnimmt, so entsteht hieraus eine ungleichmäßig gekrümmte Linie, die ballistische Kurve. Bei dieser liegt der Scheitelpunkt dem Aufschlagspunkt näher, der aufsteigende Ast ist länger als der absteigende, der Fallwinkel größer als der Abgangswinkel, die Endgeschwindigkeit geringer als die Anfangsgeschwindigkeit. Die sich daraus ergebende flache ballistische Kurve ließ sich bei allen Würfen mit der Runneburg-Blide immer sehr gut beobachten, besonders bei den Nachtwürfen mit pyrotechnisch behandelten Steinkugeln.

Zur guten Überwindung des Luftwiderstandes und zur Erzielung flacher Flugbahnen und damit einhergehend einer größeren Einschlags-, Durchschlags- und Zerstörungskraft ist eine hohe Anfangsgeschwindigkeit und günstige Querschnittsbelastung des geworfenen Körpers sowie eine entsprechende Gestalt nötig. Ein schwerer Blidenstein überwindet ihn durch seine Masse besser als ein leichter. Ein runder Blidenstein mit einem gleichbleibenden Querschnitt ist im Vergleich zu Langgeschossen, z. B. Fässern, Tierkadavern, die sich in der Luft überschlagen würden, dienlicher. Auch die ersten Feuertöpfe und Kanonenkugeln waren bekanntermaßen rund. Eine flache Wurfbahn ließ sich mit einer langen Schleuder erreichen. Die Schleuderlängen konnten variabel sein und wurden mittels ougen (Augen=Ösen) an der Schlinge eingestellt.

2. Der direkte Schuß oder das direkte Werfen

Die Konstruktion und die Funktionsweise der Blide – und das mag erstaunen – ermöglichte den sogenannten „direkten Schuß“ oder besser den „direkten Wurf“. Darin steckt die verblüffende Zielgenauigkeit der Blide (erinnert sei hier an die Nadel!) und das Geheimnis ihrer Effektivität verborgen. Auch der geübte David schleuderte mit seiner Handschleuder seinen runden Kieselstein im direkten Wurf an Goliaths Stirn, treffsicher und lethal …

Als direkten Schuß (in unserem Falle natürlich Wurf) bezeichnet man einen Schuß / Wurf mit Waffen, bei dem das Ziel direkt, optisch oder mittels elektronischer Visierung, angepeilt werden kann. Im Gegensatz dazu liegt ein indirekter Schuß / Wurf vor, wenn zwar der Standort des Zieles bekannt ist, es aber nicht direkt angepeilt werden kann, sondern die Richtung und die Erhöhung des Rohres berechnet werden muß. Mit einer Blide war zwar das indirekte Werfen, wie wir es von den „Mörsern“ kennen (hohe Flugbahn), möglich, aber nicht immer sinnvoll.

Vor dem Aufbau der Blide durch die Blidenmannschaft mit ihrem Blidenmeister stand die militärische Aufklärung des zu bekämpfenden Zieles. Der Heerführer mußte im Verbund mit dem Blidenmeister die nötige strategische Richtlinie besprechen, die ausgewählte Schwachstelle in der zu bewerfenden Befestigung (Tor, Burg- oder Stadtmauer) erkennen und einen wenn möglich außerhalb von Fernwaffen gelegenen, erhöhten oder doch einen annähernd gleich hohen Platz als Standplatz auswählen (z. B. einen „Bleidenberg“). Um eine flache und damit effektive Wurfbahn im direkten Richten zu erreichen, konnte man eine gedachte Mittellinie zwischen den Längsschwellbalken als Anvisierhilfe auf den zu bewerfenden Mauerabschnitt nutzen und die Blide in die zu werfende Richtung ausrichten. Visierung mittels Augenmaß.

Mit unterschiedlichen Modellen im Maßstab 1:10 ist mir das stets gelungen. Ebenso verfuhren wir beim Einrichten der Runneburg-Blide, deren Steinkugeln ein vorgeschriebenes Rasengrundstück in etwa 300 Meter Entfernung treffen mußten.2

Noch heute finden sich hier und da jene Erhebungen oder Hügel, die von den Blidenmeistern als Blidenstandorte ausgewählt wurden, in Flur- und Bergnamen. Sogenannte „Bleidenberge“ dürfte es mehrere in Deutschland geben.3 Auch einige Miniaturen geben darüber Aufschluß, wie z. B. die Illustrationen bei Petrus de Ebulo oder den „Annales januenses“4

Über die artilleristischen und ballistischen Kenntnisse der Blidenmeister und ihrer Mannschaften ist nichts belegt. Handelte es sich bei den Bliden um Fernwaffen, die mittels Mechanik ihre Munition ins Ziel warfen bzw. schleuderten, bedienten sich die Kanonen der Chemie (Pulverwaffen). Aber bei beiden war man bestrebt, ziemlich genau zu werfen oder zu schießen, weshalb man davon ausgehen kann, daß die frühen Artilleristen Kenntnisse von Ballistik und damit einhergehend vom „direkten Richten“ besaßen.

Zwar hat sich kein europäisches mittelalterliches „Blidenbuch“ erhalten (wenn denn je eines existierte), wie das arabische „Kitab aniq fi al-manajaniq“ des Yusuf ibn Urunbugha al-Zaradkash von 1377/14625 wohl aber sind etliche handschriftliche „Feuerwerkbücher“ des 15. Jahrhunderts erhalten. Um sich an das artilleristische und ballistische Wissen der Blidenmeister heranzuarbeiten, wollen wir uns ein spätmittelalterliches „Feuerwerkbuch“ näher betrachten. Der eigenhändige Autor, Johannes Bengedans, Büchsenschütze / Büchsenmeister, versteht sich durchaus auf die Verwendung traditioneller Artillerie, wenn er Bliden in seinem Buch abbildet. Viel interessanter für diesen Beitrag – neben den Spezialkenntnissen, die der Büchsenmeister in seinem Buch Preis gibt – sind aber die artilleristischen und ballistischen Kenntnisse, die man extrahieren kann, und die ebenfalls zum Spezialwissen der Blidenmeister gehört haben könnten, ja mußten.

Johannes Bengedans beschreibt ausführlich, wenn auch etwas umständlich, die Anbringung einer Visiervorrichtung an einem Geschütz und vermerkt die Arbeit mit Zirkel (offensichtlich ein mit Lot und Gradbogen kombinierter Zirkel, wie er aus anderen Büchsenmeisterbüchern bekannt ist) und Quadrant. „Dann sollst du das Geschütz sorgfältig richten, so daß du den Turm zerstören kannst. Du sollst eine richtige Visierung (direkt anvisieren – Anm. d. Verf.) auf das untere Drittel der Mauerhöhe, und sollst eine Waage verwenden (…)“ Das ist für den artilleristisch gebildeten Militärhistoriker eindeutig: Schieße mit direktem Richten (direkter Schuß) auf das untere Drittel der Schalenmauer. Eine Abbildung bei Bengedans soll das unterstreichen.

Gehen wir davon aus, daß über dieses Spezialwissen auch die Blidenmeister des Mittelalters verfügten, mußten sie auf eine Visiervorrichtung beim Steinwerfen mit Bliden verzichten. Und dennoch warfen sie so genau, daß man den Kopf einer Nadel treffen konnte. Wir haben dieses Manko relativ unkonventionell gelöst. Mit den zahllosen Würfen mittels dreier, unterschiedlicher Modelle nutzten wir die Methode des „über den Daumen“ visierens.

Nachdem die Weite bestimmt ist, weiß man, bei wieviel Gegengewicht ein 50 Kg Stein mit der jeweiligen Blide wirft. Kurz gesagt: Erfahrungswerte. Brauchte die große Kanone der Türken vor Konstantinopel einen Tag um geladen, abgefeuert und abgekühlt zu werden, warfen wir mit der großen Runneburg-Blide einen Stein pro Stunde. Eine Mannschaft benötigte sogar nur 20 Minuten! Das heißt für einen erfahrenen Blidenmeister zwei, drei Probewürfe und man hatte sich auf das anvisierte Ziel „eingeworfen“, die Blide war dann „eingerichtet“. Das Wesen des „Einwerfens“ bestand darin, die Abweichungen der Einschläge vom Ziel zu bestimmen, um daraus die Korrekturen zur Annäherung der mittleren Flugbahn an das Ziel zu erreichen. Mit dem „Einwerfen“ wurde erreicht, daß sich in kürzester Zeit und mit wenigen Würfen das sogenannte Streuungszentrum der Blidensteine (mittlere Flugbahn) maximal dem Zielzentrum (Zielpunkt) annähert. Eingeworfen werden die Wurfentfernung und die Wurfrichtung. Ob die Bliden mit Lot oder Wasserwaage eingerichtet wurden, bleibt offen, kann aber angenommen werden.

Die Treffwahrscheinlichkeit war für den ersten Wurf bereits ziemlich hoch, kann man bei den relativ geringen Wurfweiten von nur 300 Metern meterologische Bedingungen (Seitenwind, Regeneinflüsse u.a.) und eine damit zusammenhängende allzugroße Streuung der Blidensteine außen vor lassen.

Bliden konnten aufgrund ihrer mechanischen, konstanten Wirkungsweise bei Tag und Nacht eingesetzt werden, ganz im Unterschied zum Schießen mit Kanonen. Das Werfen mit Bliden bei Nacht war um etliches einfacher als das Schießen mit Kanonen, die nach jedem Schuß aufgrund der Rückwärtsbewegung des Rückstoßes neu in Stellung gebracht werden mußten. Erst Nachtsichtgeräte, Gefechtsfeldbeleuchtung und Leuchtspurmunition machen ein Schießen bei Nacht für Kanonen sinnvoll. Die Blide blieb dagegen unverändert in ihrer Stellung stehen, weshalb Bliden mit Rädern unsinnig wären.

1Als Richtkanonier und stellv. Geschützführer Artillerie- und Infanterieausbildung bei der Panzerjägerabteilung 1, (Truppenteil Leine), 1. Mot. Schützendivision (General Löffler) von 1984-1986 (EK 86/1).

2Mit unserem 1.10 Modell habe ich bei Wurfversuchen eine kleine Ritterfigur von einem Trafokasten aus 15 Metern Entfernung abgeschossen!

3Z. B. in 300 Meter Entfernung zur Wysburg. Vgl. auch Olaf Wagener: Burg Tharant und der Bleidenberg. In: …wurfen hin in steine/ groze und niht kleine… Belagerungen und Belagerungsanlagen im Mittelater, hrsg. v. Olaf Wagener u. Heiko Laß, Frankfurt am Main 2006, S. 289f.

4Vgl. Feuerle, S. 145

5Übersetzt bedeutet der Titel: Ein elegantes Buch über Trebuchets. Im Wortstamm manajaniq steckt zweifellos Mange.