Zur Geschichte, Entwicklung und Effizienz mittelalterlicher Steinschleudern (Blide, Trebuchet, Ballista etc.) – Teil 1

Um die Wirkungsweise, den militärischen Gebrauch und damit die Effizienz der schweren aber auch leichten mittelalterlichen Steinschleuderwurfmaschinen besser verstehen zu können, wenden wir uns zu Beginn unserer Serien dem Aufkommen und der Entwicklung der auf dem Hebelprinzip fuktionierenden Kriegsmaschinen zu. Wir unterscheiden dabei zwei grundsätzliche Typen: die Ziehkraftblide und die gegengewichtsblide. Bei der ersten ziehen zahlreiche Männer an Tauen den kurzen Hebel der Maschine nach unten, bei der zweiten Art ein schweres Gegengewicht in Form eines Kastens. Beide Maschinen waren von ähnlicher Leistungsfähigkeit, wenngleich die Ziehkraftblide eine große Anzahl von Männern erforderte, die Gegengewichtsblide dagegen die entscheidende Innvovation des eisernen Zahnrades. Ohne eiserne Zahnräder war das Herabwinden des langen Wurfarmes mit einem Gegengewichtskasten von bis zu 20 oder noch mehr Tonnen nicht möglich.

Das „teuflische Werkzeug“ der Thüringer Runneburg, als es noch auf der Burg stand. Ein leistungsfähiger, treffsicherer Hybridtyp nach spätmittelalterlichen Vorbildern rekonstruiert und gebaut. Bliden sind komplex funktionierende Kriegsmaschinen, deren Aufbau und Bedienung absoluten Spezialisten vorbehalten war.

Im Folgenden soll versucht werden, den technischen Übergang von der Ziehkraftblide zur Gegengewichtsblide darzustellen und die weitere Nutzung der Ziehkraftbliden als leichtere, aber durch eine schnellere Wurffolge zum Niederhalten gegnerischer Armbrüste etc. zu charakterisieren. Beide Arten fanden bis ins späte Mittelalter in Europa Verwendung.

Erste schriftliche Nennungen für die Verwendung von Ziehkraftbliden im arabischen Raum stammen bereits aus dem 7. Jahrhundert.1 Eine gekürzte Chronologie (nach Huuri) soll die vielschichtige Problematik aufzeigen. Bereits für das Jahr 635 werden bei der Belagerung von Damaskus von den Arabern manganiqe (Manjanik) und von den Byzantinern gleichfalls manganiqe und arradah´s eingesetzt. Im Zuge der Islamischen Expansion (von der Mitte der 630er Jahre bis ins 8. Jahrhundert hinein) kam es zur Belagerung von Seleukia-Ktesiphon, das in der Hand der sassanidischen Perser war. Nach der Überlieferung des islamischen Gelehrten al-Tabari (839-923) baute ein Mann mit dem persischen Namen Sa`d Sirzad den Arabern 20 manganiqe, und die Perser selbst hatten sowohl manganiqe als auch arradah´s. Bei der Belagerung des persischen Istahrs 650 gebrauchten die Araber manganiqe. Allerdings wurde ein arabischer Offizier durch das Geschoß eines persischen manganiq getötet (offensichtlich eine kleinere Ziehkraftblide).

Kleinere Ziehkraftbliden mit hoher Wurffrequenz (leichte Geschosse, dichte Wurffolge) bei Petrus de Ebulo (Ende 12. Jahrhundert. Offensichtlich waren Gegengewichtswurfmaschinen in Europa zu dieser Zeit noch nicht in Gebrauch. Als erster Termin eines Einsatzes kommt der von Weißensee (Runneburg) im Jahre 1212 in Betracht. Tatsächlich können schon vorher ganz schwere Ziehkraftbliden im arabisch-asiatischen Bereich in Gebrauch gewesen sein. Technisch war das Bauen von schweren  Ziehkraftbliden möglich.

Eine byzantinische Quelle aus dem 10. Jahrhundert berichtet folgendes: „Der Befehlshaber der Schleuderdreher (Artilleristen) machte einen guten Spass, o Majestät (das Gedicht ist an den Kaiser gerichtet). In die Schleuder einen trägen Esel setzte er hinein befehlend: Den Eseln den Esel werft lebendig zu! Diese, sich dem Geflecht der Zusammengebundenen zuwendend, liessen den Armen (Esel) durch die Luft fliegen.“2 Mit dem „Geflecht der Zusammengebundenen“ sind aller wahrscheinlichkeit nach die Ziehtaue gemeint. Geht man bei einem Esel von einem Gewicht von etwa 120-200 Kg aus, dürfte die Maschine über eine starke Bock- und Hebelkonstruktion verfügt haben.

1Kalervo Huuri: Zur Geschichte des mittelalterlichen Geschützwesens aus orientalischen Quellen. Helsinki 1941.

2Huuri, a. a. O., S. 90f.