Der Dürinc – Ein Weißenseer Minnesänger und Burgverteidiger?

Thüringen gebührt in der mittelhochdeutschen Literatur ein Ehrenplatz1 und so verwundert es auch nicht, dass in der Großen Heidelberger Liederhandschrift so mancher thüringischer Dichter vertreten ist. Doch nicht nur Thüringer finden sich dort, auch zahlreiche andere Großen deutscher Zunge wie Heinrich von Veldeke, Walther von der Vogelweide oder Wolfram von Eschenbach, die allesamt in Thüringen wirkten. Berühmt sind jedoch vor allem – neben den bekanntesten Dichtungen – die einzigartigen Abbildungen der Dichter. Das ein Thüringer zum ersten Bücherdieb der deutschen Literaturgeschichte avancierte sei hier nur am Rande erwähnt.2

Der Dürinc aus der Großen Heidelberger Liederhandschrift. War er ein Verteidiger der Runneburg in Weißensee? Foto: Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 848, fol. 229v

Der Grundstock der Miniaturen der Großen Heidelberger Liederhandschrift3, die man auch den Codex Manesse nennt, entstand um 1300. Bis ca. 1340 kamen weitere Nachträge hinzu. Diese einmalige Sammlung verdanken wir dem Zürcher Patrizier Rüdiger Manesse und seinem Sohn. Sie bietet eine Fülle an mittelhochdeutscher Lied- und Spruchdichtung und besteht aus 426 beidseitig beschriebenen Pergamentblättern. Der Codex enthält 140 Dichtersammlungen in mittelhochdeutscher Sprache und umfasst etwa 6.000 Strophen.4

Die ganzseitigen Miniaturen sind den Strophen von 137 Sängern vorangestellt und zeigen die Dichter in idealisierter Form bei höfischen Aktivitäten (der Kaiser Heinrich VI. auf dem Thron5), beziehen sich auf ihr Werk (der starke Boppe verbiegt ein Hufeisen6 – und wirft leider keinen Blidenstein), beschreiben biografische Szenen (der tugenhafte Schreiber in Fußeisen7), nehmen Bezug auf die Namen (Heinrich Hetzbold wird dargestellt als Hetzjäger eines Keilers)8 oder wurden einer Geschichte bzw. Tat zugeordnet, die sich schwerlich belegen lässt bzw. zuweilen reiner Irrung unterlag, wie die Darstellung der Ermordung des Reinmar III. von Brennenberg9, durch einen betrogenen Ehemann. Ähnlich verhält es sich mit dem Dürinc10, der als erfolgreicher Burgverteidiger zu Ehren kommt.

Seine Miniatur stellt ihn als übergoßen, gewappneten Kämpfer mit gewaltigem Topfhelm dar, der, Schild und Speer fest in der Hand, eine Burg verteidigt. Die Burg – Turm, Palas und Burgmauer mit Zinnenkranz – besteht aus lagigem, gespitztem und großformatigem Quadermauerwerk; die Dächer mit goldenen Zierkugeln versehen sind farblich unterschiedlich mit Ziegeln gedeckt (Palas blau, Turm rot). Das Tor besteht aus zwei Flügeln mit Eisenbändern. Links neben dem Dürinc wirft eine blonde Frau mit dünnem Gewand und Gebende einen kleineren Stein. Aus einem Palasfenster mit Holzklappe wirft ebenfalls ein ungewappneter Mann beidhändig einen etwas größeren Stein; ein gewappneter Kriegsknecht mit Eisenhut, Ringhaube und Schild wirft ebenfalls ein Stein. Aus dem Turm schießt ein ungewappneter Armbrustschütze auf die Belagerer, von denen einer, der mit einem Beil das Burgtor aufzuschlagen versucht, getroffen ist. Alles in allem ist die Burgbesatzung zwar wenig gut gerüstet – bis auf den Burgmannen – zur Vetreidigung scheint sie jedoch entschlossen. Fast könnte es den Eindruck erwecken, sie folgten bedingungslos ihrem Burgvogt. Die Belagerer sind hingegen bis auf den Bannerträger allesamt mit Ringpanzern gerüstet. Einer von ihnen mit einem Lamellenpanzer.

Neben dem Beilschwinger steht ein Kämpfer mit Eisenhut, Schild und Feuerfackel, der versucht, die Burg mit Brandmitteln zu bekämpfen. Auf ihn geht ein Stein nieder. Das weiße Schild mit drei stilisierten roten Kleeblättern erinnert an das Wappen der Stadt Mettingen bzw. der Grafschaft Tecklenburg. Die Grafen von Tecklenburg waren lange Zeit Anhänger der Welfen. Steine – nicht wie oft fälschlich vermutet heißes Öl oder Pech – stellten das probate Abwehrmittel der Belagerer dar; wie übrigens bei vielen Miniaturen. Daneben zielen zwei Armbrustschützen auf die Burgbesatzung. Ein Armbrustpfeil steckt in der hölzernen Fensterklappe.

Kommen wir zu dem Hauptakteur der actiongeladenen Miniatur zurück. Schon früh wurde in akademischen und studentischen Kreisen auf der Runneburg über den Dürinc als möglichen Weißenseer Burgmanne gesprochen, der bildlich hoch über dem Burgtor mit dem Speer in der Hand deutlich als Sieger einer Belagerung hervorgeht. Die heraldischen Attribute Schild mit blauem Untergrund und goldenem Fisch sowie zwei riesigen Fischen als Helmzimier – von seinem Namen Dürinc für Thüringer ganz zu schweigen – lassen ihn unzweifelhaft als Weißenseer erscheinen. Frühe Formen des Weißenseer Stadtwappens bringen auf Brakteaten einen Fisch; das Wappen der Stadt sind seit der Frühen Neuzeit zwei silberne Fische (Hechte?), die die beiden Seenbecken symbolisieren, einen goldenen Stern (Burg und Stadt) in der Mitte auf blauem Grund umschließend.

Ob man die Darstellung der Burg mit Turm und Palas als das bekannte Wohnturm und Palas-Ensemble der Runneburg deuten kann, soll dahingestellt bleiben.

Spannender wird es bei der Deutung des Bannerträgers, der in ziemlich erniedrigender Lage ohne Ringpanzer zusammengekauert mit blutender Kopfwunde am Boden liegt, ganz eindeutig eine demütigende Ikonographie. Sein Wappenschild zeigt einen goldenen Wolfskopf auf rotem Grund. Das Banner – zwei rote Sparren mit zwei roten Sternen auf weißem Feld – lässt sich nicht genau zuordnen. Allerdings gab es einen kaiserlichen Dapifer (Truchsess), der vor Weißensee mit seinem Kaiser scheiterte: Gunzelin von Wolfenbüttel (um 1170-1255). Tatsächlich zeigt Gunzelins Siegel zwei Garben, über die ein Wolf springt. Sollte man dieses Siegel stilisieren, so der Grafiker Lothar Freund, der das Thüringer Landeswappen schuf und als bester Grafiker des Freistaates galt, würde er den Kopf des Wolfes inmitten des Schildes platzieren.

Wie bereits im Beitrag des Verfassers zum Tribock vor Weißensee dargelegt, könnte es sich mit hoher Wahrschenlichkeit hier um Gunzelin von Wolfenbüttel handeln. Seine Niederlage vor Weißensee wird hier künstlerisch überhöht dargestellt – der Bannerträger verwundet am Boden – welch eine Schmach! Somit stellt der Inhalt der Miniatur den Kampf um Weißensee im Jahre 1212 dar. Auf der einen Seite der Weißeseer Dürinc und auf der anderen Seite die Belagerer um Gunzelin von Wolfenbüttel. Auffälligerweise wird Otto IV. nicht ins Bild gerückt. Einen Welfenkaiser düpiert man nicht, scheint es. Auch fehlt der Tribock.

An dieser Stelle sei ein Hinweis auf die Miniaturen der Berliner Handschrift der Eneide (um 1220/1230) des Heinrich von Veldeke (1150-1190/1200).11

Eine verblüffende Ähnlichkeit weisen die Wappendarstellungen der Ritter und Fußkrieger in der Eneide des Veldeke mit denen im Codex Manesse auf. Besonders sei hier Miniatur fol. 34v hervorgehoben, die das Heer des Turnus darstellen. Turnus, der Gegenspieler des Eneas, führt in der Bilderhandschrift als Wappen einen schwarzen Adler (frühe Form des Reichsadlers?). Interessanter sind dessen Gesellen, allen voran der reitende Bannerträger, der einen roten Wolf im Banner führt sowie einen schwarzen Wolf als Helmzimier trägt. Sollte hier der Maler schon auf zeitlich nahe zurückliegende historische Ereignisse Bezug nehmen? Der voranreitende Geselle des Turnus mit dem Wolf auf dem Helm – eine Darstellung des Gunzelin von Wolfenbüttel? Der stolze Eneas/Hermann von Thüringen als Gegenspieler zu Turnus/Otto IV.? Im Tjost zwischen Pallas und Eneas führt Eneas einen roten Löwen auf dunklem Grund als Wappenschild – ein früher heraldischer Hinweis auf den Thüringer Löwen? Huldigen die Minituren in der Berliner Handschrift der Eneide dem toten Mäzen Hermann, der Heinrich von Veldeke nach Thüringen einlud, die Eneide zu beenden? Wäre das von der Hand zu weisen? Wäre der Bau von Montalbane eine literarisch und sogar bildliche Anspielung auf den Bau/Ausbau von Weißensee? Der zum Burggraben abgeschrotete Gipsfelsen an der Südseite der Runneburg, dessen Steinhauerspuren im weißen Gips der Verfasser selbst mit ergraben hat, lässt Fragen aufkommen. Doch beenden wir die Spekulationen. Zukünftige Forscher werden sich zweifellos des spannenden Themas annehmen.

Doch was sagen die Germanisten zum Dürinc? Was schlussfolgern sie aus seinen Liedern, von denen sieben überliefert sind?

Die Objektbeschreibung auf der Webseite der Universität Heidelberg lässt Ernüchterung aufkommen: „Aus dem Namen ‚Der Düring‘ und der Mundart der Lieder läßt sich schließen, daß der Minnesänger aus Thüringen stammte. Der vermutlich in der zweiten Häfte des 13. Jahrhunderts dichtende Autor läßt sich nicht näher identifizieren.“12

Manfred Lemmer sieht ihn seines Namens und seiner Mundart nach ebenfalls als Thüringer. Und „auch das Wappen auf der Miniatur hat nicht zur Identifizierung seiner Person oder seines Geschlechts geführt.“ Gewisse literarische Berührungen zeigt er mit Kristan von Luppin. Lemmer lässt den Thüringer um 1300 dichten. Die literarische Qualität des Burgverteidigers ist für den Hallenser Altgermanisten nicht sonderlich hoch: „Seine Minnepoesie ist ungleichartig, zuweilen einfach und leicht, fast volkstümlich, dann wieder überladen, inhaltlich und sprachlich schwer verständlich, fast schon im ‚geblümten Stil‘ der Spätzeit verfaßt, wie die Klage gegen Frau Minne, die zweifellos von Wolframs „Parzival“ angeregt ist; der Eschenbacher wird im Gedicht übrigens auch genannt. An den hohen Minnesang erinnern bei ihm Ausdrücke wie ‚ôsterlicher tac‘ für die Dame oder ihr ‚balsamsmac‚ (Balsamduft).13 Aber aus seiner hohen Bildlichkeit kann er auch wieder tief fallen, wenn er beschreibt, wie ihm zumute ist, wenn sein Minnelohn ausbleibt: seht, des muoz min herze erkrachen sam die spachen tuont in heizer gluot (seht, davon knackt mein Herz wie die Spähne in heißer Glut.).

Reinhard Hahn datiert seine Lieder ins späte 13. Jahrhundert, und stellt ihm ein weniger kritisches literarisches Zeugnis aus: „Von dem hohen rhetorisch-formalen Kunstbegriff des Dichters zeugen zahlreiche Kunstmittel (Epitheta, Antonomasien, Metaphern, Binnenreime, Schlagreime und Pausenreime.“14

Folgt man den Germanisten in ihrer Datierung, muss der Thüringer, wenn er ein Verteidiger Weißensees gewesen sein soll, ziemlich alt geworden sein.

Abschließend kommt der Verfasser zu dem Schluss, dass mit der Figur des Dürinc möglicherweise zwei Biografien vermischt wurden sind: die eines dichtenden Mannes aus der Zeit der Burgverteidigung mit der eines Dichters um 1300. Vielleicht erzählte der um 1300 dichtende Thüringer in seinem Umfeld oft von jener großen Belagerung, an der er gar nicht teilgenommen hatte, aber vielleicht einer seiner Vorfahren? Wir wissen es nicht. Es bleibt Spekulation, vorerst. Doch der Stoff für weitere spannende Thesen ist gesponnen.

Der Autor dieses Beitrages ist Dr. Michael Kirchschlager, Burgvogt der Marksburg und Geschäftsführer der Deutschen Burgenvereinigung e. V.

1Vgl. Manfred Lemmer, „der Dürnge bluome schînet dur den snê“. Thüringen und die deutsche Literatur des hohen Mittelalters, Eisenach 1981 und Reinhard Hahn, Geschichte der mittelalterlichen deutschen Literatur Thüringens, Köln/Weimar/Wien 2012.

2Michael Kirchschlager, Ein Thüringer als Bücherdieb. Oder vom Nutzen einer gut sortierten Bibliothek. In: Palmbaum. Literarisches Journal aus Thüringen. Bd. 24, Jena 2016, S. 165-168

3 Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 848

4 Weitere Informationen bei: https://www.ub.uni-heidelberg.de/allg/benutzung/bereiche/handschriften/codexmanesse.html

5Universitätsbibliothek Heidelberg, (wie Anm. 1), fol. 6r

6Universitätsbibliothek Heidelberg, (wie Anm. 1), fol. 418r

7Michael Kirchschlager, Der „tugendhafte Schreiber“ in Fußeisen. Aus dem bewegten Leben des Heinrich von Weißensee. In: Palmbaum. Literarisches Journal aus Thüringen. Heft 1, Jena 2023, S. 149-152.

8Universitätsbibliothek Heidelberg, (wie Anm. 1), fol. 228r; Michael Kirchschlager, ich tummer affe. Heinrich Hetzbolt von Weißensee. Thüringens letzter namhafter Minnesänger. In: Palmbaum. Literarisches Journal aus Thüringen. Bd. 25, Jena 2017, S. 171-173

9 Ebd., fol. 188r

10 Ebd., fol. 229v bis 230v

11Staatsbibliothek Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 282, fol. 34v.

12https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg848/0454/image,info,text_heidicon

13Manfred Lemmer, (wie Anm. 1), S. 81 ff.

14Reinhard Hahn, (wie Anm. 1), S. 171