Was ist eine Blide? – Begriffserklärung
Blide
Die Blide, die „Bleierne“, zählt zu den mechanischen Großfernwaffen und stellt die bedeutendste militärtechnische Entwicklung des Mittelalters dar. Konstruktiv aus Ziehkraft-Schleudern (Mangen, Petrarien) über Hybridtypen (Trabucium, Tribock) entstanden, kam sie ab ca. 1240 in Deutschland zum Einsatz. Mit hoher Wahrscheinlichkeit geht sie entwicklungsgeschichtlich auf den römischen Onager zurück (ebenfalls eine Ziehkraft-Schleuder, keinesfalls ein „Löffelkatapult“), der seine konstruktive Weiterentwicklung in den byzantinischen Ziehkraft-Schleudern und den italienischen Trabuchi (Gegengewichte aus Blei) fand. Das Wort Blide leitet sich vom mhd. blî=Blei her und bedeutet übertragen die „Bleierne“. Offensichtlich waren die bezeugten Bleigwichte der Trabuchi, die dann für die schwereren Bliden übernommen wurden, so imposant, dass sie namensgebend wurden. Aufgrund der Fähigkeit der Blide, als Fernwaffe Tag und Nacht auf 250 bis 400 Meter Entfernung (Gebrauchswurfweite) treffsicher und mit großer Zerstörungskraft gegnerische Befestigungen zu bekämpfen, kann man auf hohe militärische Effizienz schließen. Gegenüber den Gebrauchswurfweiten der unterschiedlich schweren Ziehkraft-Schleudern von ca. 150 Metern war das – neben der Erhöhung der Steingewichte der Blidensteine und deren ballistische Formgebung – eine enorme Steigerung. Die militärischen Vorteile dieser zielgenauen Großfernwaffe gegenüber Sturmangriffen personeller Kräfte mit Sturmleitern, aufwendigen Unterminierungen, Angriffen mit Rammböcken und / oder Belagerungen im Sinne von „vor der Burg lagernd“ sind beträchtlich, sieht man vom Zeitfaktor ab. Taktische Einsatzarten wie „Zerstörungswerfen“, „Artillerieunterstützung“ und / oder „Artillerievorbereitung“ bei Schonung der eigenen personellen Kräfte sind klar erkennbar.

Runneburg-Blide, einst die größte Steinschleuder-Maschine (Nachbau) der Welt! Mit 40 Tonnen Kampfgewicht konnte sie 90 Kg schwere Blidensteine über eine Distanz von 600 Metern werfen. 2009 verkauft nach Burg Scharfenstein, dort nicht wieder aufgerichtet, mittlerweile komplett verrottet. Totalverlust. Foto: Runneburgverein Weißensee / Thüringen.
Aufgrund ihrer Größe und der erheblichen Kosten (Herstellung, Wartung, Unterhaltung, Transport und Bedienung) kamen sie hauptsächlich bei Belagerungen von steinernen Befestigungen, oft auch im Zusammenwirken mit anderen Waffenarten wie Widder, Katzen (treibendes Werk), Ebenhöhen und ab um 1380 in Kombinaion mit Steinbüchsen, zum Einsatz. Ob Bliden oder andere Schleuderwaffen von Hafenbefestigungen oder Brückenköpfen aus gegen Schiffe eingesetzt wurden, bleibt noch zu untersuchen. Der Transport erfolgte zerlegt auf Wagen oder auf Schiffen. Die Aufrichtung der Blide erfolgte innerhalb von 3-7 Tagen, je nach Größe der Waffe und Beschaffenheit der Stellung (teils wurden Bergrücken für Stellungen eingeebnet, wie z. B. Fürstenberg). Die Blide funktionierte wie folgt: Die Blidner spannten mit Hilfe der Spannräder die Blide. Dabei wurde der Wurfarm (Blidenschwengel, Rute) über eine hölzerne Welle, an der zwei Räder mit runden Griffstücken befestigt waren, heruntergezogen. Um die Gefahr des „Zurückschnalzens“ des Wurfarmes bei einem Riss des Spannseils o. Unachtsamkeit der Blidenmannschaft zu verhindern, wurden die Spannräder an Knarren angebracht. Der Wurfarm wurde im gespannten Zustand über Seil und Haken am Schwellbalken des Traggestells verankert. Der Blidenstein lag im ledernen Schleudersack. Das Schleuderseil wurde in die unter dem Traggestell befindliche horizontale Gleitbahn eingelegt. Die Seile lagen parallel. Ein Ende der Seilschlaufe war mit dem Wurfarm fest an einem eisernen Ring verbunden. Das andere Seilende mit verstärkter Öse war an der Wurfarmspitze, d. h. lose über den gekrümmten Haken (Blidennagel), eingehakt. War die Blide „gespannt“, wurde ein Sicherungsseil über den Wurfarm gelegt und am Abzugsmechanismus befestigt. Dann wurde das Spannseil mittels der Spannräder „abgewickelt“. Der Wurfarm wurde zu diesem Zeitpunkt nur noch vom Sicherungsseil in seiner Position gehalten. Erst jetzt steckte er aus Sicherheitsgründen das lose Ende der Wurfschlinge über den geschmiedeten Haken. Die Blide war abwurfbereit.
Nach dem Kommando „Und los!“ wurde das Seil des Abzugsmechanismus gezogen, das entsicherte Sicherungsseil schnellte über den Wurfarm und gab diesen frei. Der schwere Gegengewichtskasten zog den kurzen Hebel nach unten, der längere Hebel bewegte sich in die Höhe und bei einer leichten vorwärts gerichteten Neigung gab der Haken die Wurfschlinge frei. Der Blidenstein flog in flachem Bogen ins Zielgebiet.
Das Blidenhaus als Urtyp des Zeughauses diente mit hoher Wahrscheinlichkeit schon ab der Mitte des 13. Jahrhunderts den Städten, die über Bliden verfügten, als sicherer Lager- u. Wartungsort für Militärtechnik und Waffen unterschiedlichster Art. Vom Bautyp muss man von einem rechteckigen, langgestreckten massiven Steinbau ausgehen, wie er in Konstanz noch erhalten ist. Ähnlich dürfte es auch außerhalb des deutschsprachigen Raumes gewesen sein. Blidenhäuser und Blidenhöfe wurden zum Schutz des städtischen Antwerks in allen großen Städten, die mit Landfriedensaufgaben betraut waren oder ihre politischen uund ökonomischen Interessen durchsetzen wollten, errichtet. Darüber hinaus mussten sie aufgrund der hohen Kosten der Herstellung, Unterhaltung und Nutzung der Bliden über eine gewisse ökonomische Stärke verfügen. Das waren in der Regel die Reichsstädte (z. B. Frankfurt, Mühlhausen), Städte großer geistlicher Landesherren (Köln, Mainz, Trier, Erfurt, Worms, Speyer u.a.) oder Hansestädte (Bremen, Hamburg, Stralsund, Wismar, Lübeck, Rostock u. a.). Vereinzelt wurden Bliden auch auf Burgen (z. B. Mühlburg, Landskron, Schloss Tonndorf) stationiert, wobei die Lagerung in Scheunen oder ebenfalls in Blidenhäusern (Landskron) zu vermuten ist. Blidenstraßen sowie die Nennung von Blidenmeistern können auf Blidenhäuser hinweisen.
Blidenhäuser wurden vermutlich von Blidenmeistern oder berufenen Männern verwaltet und kontrolliert (später Zeugmeister). Die Blidenhäuser befanden sich in städtischen Burganlagen (Konstanz) oder hinter sicheren Abschnitten der Stadtbefestigung (Frankfurt, Hansestädte, Mühlhausen, Erfurt). Mit der Ausmusterung der Bliden im 15. Jahrhundert verloren die Blidenhäuser ihre funktionale Bestimmung. Viele von ihnen wurden umgenutzt (Geschützgießereien), als Zeughäuser weiter genutzt (Konstanz, Frankfurt) oder abgerissen (Erfurt, Görlitz). Heute existiert vermutlich nur noch in Konstanz der Kern eines Blidenhauses. Depots von Bliden- und/oder Büchsensteinen können bei archäologischen Grabungen in Städten (Mainz, Dresden, Berlin) zutage treten. Blidenmeister und Blidenmacher waren hochbezahlte Spezialisten (ingenarii, Antwerkmeister, Werkmeister). Sie lassen sich sowohl als Freiberufler als auch als städtische oder landesherrliche Angestellte nachweisen. Die Bedienungsmannschafter wurden Blidner genannt.
Das Haupteinsatzgebiet von Bliden in Deutschland lag in der Bekämpfung von Burgen des Adels (vom Kleinadel bis zum Hochadel) während der Durchsetzung der sogenannten Landfrieden. Allerdings wurden sie auch gegen Städte eingesetzt. Außerhalb Europas waren Bliden hauptsächlich im Nahen und Mittleren Osten weit verbreitet und im Einsatz. Designunterschiede bei gleichem Funktionsprinzip zwischen europäischen, arabischen und mongolischen Steinschleuder-Maschinen sind nicht zu verkennen und haben ihren konstruktiven Unterschied im Vorkommen bzw. Fehlen bestimmter Holzarten. In China waren Ziehkraft-Schleudern unterschiedlicher Bauart und Größe noch bis ins 16. Jahrhundert in Gebrauch. Bliden sind für China bisher nicht belegt.
Als Munition dienten den Bliden hauptsächlich Blidensteine, aber auch chemische (Brandmittel, Brandbeschleuniger) und biologische Kampfmittel (tote Tiere, Pestleichen, Kotfässer). Als „Kotwerk“ (Wurfmaschinen für das Schleudern von Kotfässern) wurden noch in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts Triböcke eingesetzt.
Hauptmerkmal eines Blidensteins ist sein Gewicht. Die Gewichte schwanken zwischen 15 bis zirka 300 Kilogramm und lassen sich fünf Hauptgewichtsklassen zuordnen. Kleinere Exemplare von 3-15 Kilogramm könnten auch Mangensteine sein. Hergestellt wurden die Blidensteine meist in der Nähe des belagerten Ortes durch Steinmetzen (Sandstein gegen Felsenburg Rathen, ) oder wurden zum Kampfplatz herangeführt (Basalt gegen Burg Eltz, Burg Lahneck …..).
Typologisch unterscheiden sich drei Hauptmerkmale in Erstens: Typ A (Arsenalsteine), Typ B (Belagerungssteine) und Typ C (chemische Trägersteine). Zweitens: die Gewichtsunterteilung in fünf Gewichtsklassen I (ca. 7-25 kg), II (ca. 25-50 kg), III (ca. 50-80 kg), IV (ca. 80-120 kg) und V (über 120 kg) sowie Drittens: die Herstellung F (Fluss- oder Feldsteine) und G (gehauen, gespitzt).
Die Typologie dient einer einfachen Klassifizierung der Waffe, die die Grundlage für die Klassifizierung der Bliden in fünf Klassen (leichte, mittelschwere, halbschwere, schwere und überschwere Bliden) ermöglicht. Der schwerste Blidenstein von zirka 300 Kilogramm datiert in das Jahr 1422 und stammt von der Belagerung von Wasserburg am Inn.
Bliden konnten – bei Beachtung unterschiedlicher Größen – mehrere Gefechtsaufgaben erfüllen: Die schwereren Steinschleuder-Maschinen wurden eingesetzt, um ausgewählte Abschnitte von Burg- und Stadtmauern, Tore und Türme im direkten Werfen mit Blidensteinen unterschiedlichen Gewichts zielgerichtet zu zerstören bzw. sie zum Einsturz zu bringen. Zweischaliges ma. Mauerwerk v. ca. 1,20 m war einem konzentrierten Angriff v. halbschweren Bliden nicht gewachsen u. gab aufgrund seiner Bauweise nach einer gewissen Zeit dem kontinuierlichen Bewurf nach. Die damit verbundene „Breschelegung“ diente dem leichteren Eindringen der eigenen Fußkämpfer in die feindliche Burg oder Stadt. Neben ihrer Treffgenauigkeit und Zerstörungskraft konnte sie zudem eine hohe „Feuer- u. Bekämpfungsdichte“ erreichen. Um die Bliden selbst vor möglichen Angriffen (Ausfällen, Entsatz) und Beschuss mit Fernwaffen (Ballisten, Wallarmbrüsten, Handfeuerwaffen) zu schützen, wurden Blidenstellungen mitunter befestigt (vereinzelt sogar komplette steinerne Belagerungsburgen) oder befanden sich mittig geschützt im Heerlager (Eisenach). Man kann aufgrund der Zerstörungskraft der Bliden von zahlreichen Kapitulationen der Belagerer ausgehen (z. B. Eltz, Ilmenau).
Unterschiedliche Abwehrmaßnahmen folgten zeitnah den ersten belegbaren Einsätzen. Als militärgeschichtlich herausragendes Ereignis dürfte die Belagerung der thüringischen Runneburg in Weißensee mittels des schweren Tribocks 1212 angesehen werden, dessen Zerstörungskraft bei dem anwesenden Adel einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben dürfte. Architekturgeschichtlich lassen sich im Burgenbau aber auch bei Stadtbefestigungen dafür dickere Ringmauern, Schildmauern (ab 1,90 m Mauerdicke) und spitzeckige bzw. fünfeckige (Burg Lahneck) oder dreieckige (Grenzau) Türme fassen (z. B. Burg Lahneck mit fünfeckigem Turm und davorgelagerter Schildmauer), deren „Spitze“ gegen die Hauptangriffsseite ausgerichtet sind. Mauerdicken ab ca. 1,90 m waren selbst von überschweren Bliden schwer oder nicht zu brechen. Dementsprechend setzte man taktisch bestimmt chemische o. biologische Kampfmittel ein. Noch im 16. Jahrhundert weisen Beschreibungen auf den Einsatz v. Bliden u. Triböcken (Kotwerk) als Wurfzeuge für Tierkadaver, Fäkalienfässer u. Brandbomben hin.
Auch als makabres Hinrichtungswerkzeug, ähnlich den Kanonenhinrichtungen der Briten in Indien (1857 bis 1859), wurden Bliden gebraucht.
Kleinere Bliden wurden höchstwahrscheinlich zur Bekämpfung leichterer Ziele verwendet (z. B. Hurden, Zinnen, Wikhäuser, Schießhäuser, Wehrgänge, Wehrerker, Ausschaltung feindlicher Fernwaffen) und dienten – ebenso wie größere Bliden – der sog. „Artillerievorbereitung“, der Vorbereitung der Sturmangriffe, aber auch jeglichem Zerstörungswerfen.
Selbst der Einsatz gegen bewegliche Ziele im Burginneren war mit „Streubomben“ möglich. Jedoch konnte man mit Bliden nicht gezielt auf bewegliche Ziele werfen. Waren die großen Steinschleuder-Maschinen eingerichtet, gab es keinerlei oder nur geringe Seitenkorrekturen mehr. Erst mit dem Aufkommen der großen Büchsen um 1380 gerieten die Bliden als Fernwaffen in den folgenden 100 Jahren nach und nach außer Gebrauch. Spätestens mit der erfolgreichen Belagerung der hessischen Burg Tannenberg 1399 ist ein Wendepunkt zugunsten der neuen, noch zerstörerischen und damit militärisch effizienteren großen Steinbüchsen erkennbar. Typologisch folgt der Büchsenstein dem Blidenstein, um dann als eiserne Kanonenkugel und heutigen tags als stählernes Spezialgeschoss – teils als atomares Trägermittel – bei den Artilleriesystemen vereinzelter Länder in Gebrauch zu sein.
Die zahlreichen Nachweise von erfolgreichen Blideneinsätzen belegen den hohen militärischen Nutzen. Dennoch muss die Effizienz oder besser die Effektivität immer im Zusammenhang mit der jeweiligen fortifikatorischen Entwicklung und der Art der belagerten Befestigung sowie den Abwehrmaßnahmen gesehen werden. Im Zuge militärischer Operationen, bei denen es allein um eine ökonomische Schädigung des Feindes ging, waren Blideneinsätze selten, weil sie sich als teuer erweisen konnten. Das Abbrennen von Dörfern, das Wegtreiben von Vieh, kurzum die vegetianische Kriegsführung, war kriegsökonomischer als ein Blideneinsatz gegen eine Burg. Bestand allerdings das militärische Ziel in der Niederringung eines Rivalen mittels Belagerung der feindlichen Burg (Balduin von Trier gegen die Herren von Eltz) konnten Bliden den entscheidenden militärischen Erfolg bringen. Bliden garantierten darüberhinaus aber nicht immer eine erfolgreiche Belagerung, auch nicht im Verbund mit anderen Belagerungsmaschinen oder -techniken (z. B. vergebliche Belagerungen der Burgen Kaub und Rheinfels). Entweder sie scheiterten an massiven Bauwerken, Befestigungselementen oder an taktischen Fehlern der Belagerer. Trotz des „teuflischen Werkzeugs“ gelang es Kaiser Otto IV. nicht, die Runneburg im Jahre 1212 zu erobern oder grundlegend zu zerstören. Und auch die Hussiten konnten Burg Karlstein mit den enormen Mauerdicken 1422 nicht brechen.
Der Autor des Beitrag ist Dr. Michael Kirchschlager, Burgvogt der Marksburg und Geschäftsführer der Deutschen Burgenvereinigung e. V.


