Apr 22 2015

Die Konstruktion der Runneburg-Blide anhand spätmittelalterlicher Bild- und Textquellen (Teil 3)

Wenden wir uns deshalb zuerst der Konstruktion einer Blide zu und betrachten eingenhder die Runneburg-Blide. Die historische Vorlage für die Grundkonstruktion der Runneburg-Blide – des den Triböcken namensgebenen Dreibocks – geht auf zwei sich ähnelnde Abbildungen in spätmittelalterlichen Handschriften zurück.1 Die senkrecht auf jeweils einem längs ausgerichteten Schwellenbalken stehenden und verzahnten Dreiböcke wurden mit zwei langen im unteren und einem kurzen im oberen Bereich eingepaßten Querbalken verbunden. Die Köpfe der Dreiböcke waren mit Blechen und Eisen gesichert, um ein mögliches Aufreißen und ein Eindringen von Regenwasser zu verhindern. Die Längsschwellbalken ruhten zudem eingepaßt auf drei auf einem Kiesbett lagernden Querschwellbalken, von denen der Mittlere, der Längste war (Kreuzform) und zusätzlich massive Querstreben aufnahm, die der Statik dienten und an denen kleine Querhölzer eingepaßt waren, die als Leiter dienten. Mittig verlief eine hölzerne Laufrinne für die Wurfschlinge samt ledernem Schleudersack mit Blidenstein. Er war glatt gehobelt, um die Reibung zu minimieren und den Schleudersack nicht unnötig durch Reibungskräfte zu schädigen. Der Schleudersack selbst wurde vor jedem Werfen eingefettet. Am hinteren Teil der doppelten Querbalken waren auf jeder Seite große hölzerne und mit Eisenbändern gesicherte Spannräder mit eisernen Zahnrädern eingebracht, die über eine Welle das Spannseil des Wurfarmes aufnahmen, das im oberen Drittel mittels eines eisernen Ringes befestigt war. Eine laufende Rolle erleichterte das Herabwinden des Wurfarmes. Die eisernen Zahnräder ließen sich bereits auf arabischen Bliden des 13. Jahrhunderts nachweisen und dienten der Arretierung der Spannräder. Ihr Gegenpart war ein kleiner eisernen Zahn, weshalb beim Herabwinden des Wurfarmes ein typisches Rattern bzw. Klicken zu hören war. Die starken Seile bissen sich massiv in die Spannwelle, die ebenfalls aus Hartholz gefertigt war. Die Seile waren, genau wie die ganze Runneburg-Blide, TÜV geprüft. In der Spitze der Dreiböcke war eine Stahlwelle mit Abstandshülsen eingepaßt, die den Wurfarm mittig hielt. Der Wurfarm bestand aus drei miteinander verzahnten und mit Eisenbändern und Seilen umwundenen Balken. Den mittleren Balken arbeitete man aus einer 300jährigen dänischen Esche, die beiden außen liegenden Balken waren aus einheimischem Nadelholz. Das Hartholz sorgte für Stabilität, das Nadelholz für Elastizität. Der Wurfarm hatte eine Gesamtlänge von 14,47 Metern, die Höhe der Blide war 17,64 Meter, die Achshöhe von der Auflagenfläche betrug 6,97 Meter. Die Runneburg-Blide war somit etwas kleiner, als die Große Blide des Konrad Kyeser. An der Spitze des Wurfarmes war ein besonders gekrümmter Haken aus Eisen befestigt. Die Krümmung des Hakens blieb immer ein Geheimnis, weil sich hierin der richtige Abschußwinkel für das Lösen der Wurfschlinge verbarg. Der Haken wurde durch Werner Freudemann mit einer Eisensäge in die richtige gekrümmte Form gebracht. Am Ende des Wurfarmes waren eingepaßte Bleigewichte angebracht. Continue reading


Apr 22 2015

Zur Konstruktion und Funktion der Runneburg-Blide (Teil 2)

Einführung

Während der Belagerung der landgräflichen Runneburg in Weißensee zur Erntezeit des Jahres 1212 durch Kaiser Otto IV. kam eine den Deutschen bislang unbekannte Steinschleuderwurfmaschine zum Einsatz, die offensichtlich aufgrund ihrer verheerenden Wirkung und Leistungsfähigkeit von einem Erfurter Chronisten respektvoll „teuflisches Werkzeug“ genannt wurde. Ob Wolfram von Eschenbach, der nachweislich in Thüringen wirkte, der Maschine des Kaisers mit dem als driboc bezeichneten Kriegsgerät in seinem „Willehalm“ ein literarisches Denkmal setzte, muß dahingestellt und ein Forschungsfeld der Altgermanistik bleiben.

Während der bauarchäologischen Untersuchungen auf der Runneburg in den 1990er Jahren durch Thomas Stolle wurden vier sogenannte Blidensteine ausgegraben, die stratigrafisch dem 13. Jahrhundert zugeordnet werden konnten. Damit lagen eindrucksvolle Zeitzeugnisse der kaiserlichen Belagerung vor.

Die Runneburg-Blide war Zeit ihres bestehens ein Publikumsmagnet. Hier ein Bild während einer der zahlreichen Wurfveranstaltungen. Vorn einer der vier Blidensteine des Kaisers. (Bild: Runneburgverein Weißensee / Thür. e. V. i. L.) Continue reading


Apr 22 2015

Zur Geschichte, Entwicklung und Effizienz mittelalterlicher Steinschleudern (Blide, Trebuchet, Ballista etc.) – Teil 1

Um die Wirkungsweise, den militärischen Gebrauch und damit die Effizienz der schweren aber auch leichten mittelalterlichen Steinschleuderwurfmaschinen besser verstehen zu können, wenden wir uns zu Beginn unserer Serien dem Aufkommen und der Entwicklung der auf dem Hebelprinzip fuktionierenden Kriegsmaschinen zu. Wir unterscheiden dabei zwei grundsätzliche Typen: die Ziehkraftblide und die gegengewichtsblide. Bei der ersten ziehen zahlreiche Männer an Tauen den kurzen Hebel der Maschine nach unten, bei der zweiten Art ein schweres Gegengewicht in Form eines Kastens. Beide Maschinen waren von ähnlicher Leistungsfähigkeit, wenngleich die Ziehkraftblide eine große Anzahl von Männern erforderte, die Gegengewichtsblide dagegen die entscheidende Innvovation des eisernen Zahnrades. Ohne eiserne Zahnräder war das Herabwinden des langen Wurfarmes mit einem Gegengewichtskasten von bis zu 20 oder noch mehr Tonnen nicht möglich.

Das „teuflische Werkzeug“ der Thüringer Runneburg, als es noch auf der Burg stand. Ein leistungsfähiger, treffsicherer Hybridtyp nach spätmittelalterlichen Vorbildern rekonstruiert und gebaut. Bliden sind komplex funktionierende Kriegsmaschinen, deren Aufbau und Bedienung absoluten Spezialisten vorbehalten war.

Im Folgenden soll versucht werden, den technischen Übergang von der Ziehkraftblide zur Gegengewichtsblide darzustellen und die weitere Nutzung der Ziehkraftbliden als leichtere, aber durch eine schnellere Wurffolge zum Niederhalten gegnerischer Armbrüste etc. zu charakterisieren. Beide Arten fanden bis ins späte Mittelalter in Europa Verwendung.

Erste schriftliche Nennungen für die Verwendung von Ziehkraftbliden im arabischen Raum stammen bereits aus dem 7. Jahrhundert.1 Eine gekürzte Chronologie (nach Huuri) soll die vielschichtige Problematik aufzeigen. Bereits für das Jahr 635 werden bei der Belagerung von Damaskus von den Arabern manganiqe (Manjanik) und von den Byzantinern gleichfalls manganiqe und arradah´s eingesetzt. Im Zuge der Islamischen Expansion (von der Mitte der 630er Jahre bis ins 8. Jahrhundert hinein) kam es zur Belagerung von Seleukia-Ktesiphon, das in der Hand der sassanidischen Perser war. Nach der Überlieferung des islamischen Gelehrten al-Tabari (839-923) baute ein Mann mit dem persischen Namen Sa`d Sirzad den Arabern 20 manganiqe, und die Perser selbst hatten sowohl manganiqe als auch arradah´s. Bei der Belagerung des persischen Istahrs 650 gebrauchten die Araber manganiqe. Allerdings wurde ein arabischer Offizier durch das Geschoß eines persischen manganiq getötet (offensichtlich eine kleinere Ziehkraftblide).

Kleinere Ziehkraftbliden mit hoher Wurffrequenz (leichte Geschosse, dichte Wurffolge) bei Petrus de Ebulo (Ende 12. Jahrhundert. Offensichtlich waren Gegengewichtswurfmaschinen in Europa zu dieser Zeit noch nicht in Gebrauch. Als erster Termin eines Einsatzes kommt der von Weißensee (Runneburg) im Jahre 1212 in Betracht. Tatsächlich können schon vorher ganz schwere Ziehkraftbliden im arabisch-asiatischen Bereich in Gebrauch gewesen sein. Technisch war das Bauen von schweren  Ziehkraftbliden möglich.

Eine byzantinische Quelle aus dem 10. Jahrhundert berichtet folgendes: „Der Befehlshaber der Schleuderdreher (Artilleristen) machte einen guten Spass, o Majestät (das Gedicht ist an den Kaiser gerichtet). In die Schleuder einen trägen Esel setzte er hinein befehlend: Den Eseln den Esel werft lebendig zu! Diese, sich dem Geflecht der Zusammengebundenen zuwendend, liessen den Armen (Esel) durch die Luft fliegen.“2 Mit dem „Geflecht der Zusammengebundenen“ sind aller wahrscheinlichkeit nach die Ziehtaue gemeint. Geht man bei einem Esel von einem Gewicht von etwa 120-200 Kg aus, dürfte die Maschine über eine starke Bock- und Hebelkonstruktion verfügt haben.

1Kalervo Huuri: Zur Geschichte des mittelalterlichen Geschützwesens aus orientalischen Quellen. Helsinki 1941.

2Huuri, a. a. O., S. 90f.


Apr 12 2015

Bliden und Blidensteine

Auf der Suche nach Blidensteinen, jenen Steinkugeln, die mittels Bliden geworfen wurden, wurde ich in Landshut (Burg und Stadt mindestens 12)  und auf den Burgen Burghausen (über 100) und Burg Wörth (3, eingemauert) fündig. Demnächst werde ich meine Forschungsergebnisse auf einer Internetseite veröffentlichen und zur Mitarbeit an einem einmaligen Projekt aufrufen: Dokumentation aller Blidensteine in Deutschland. Denn: die Blidensteine werden oftmals als solche gar nicht erkannt und sind achtlos der Witterung und dem Menschen ausgeliefert.

 http://www.deutsche-burgen.org/de/institut/zeitschrift/assets/bos/burgen-und-schloesser-02-2017/index.html

Im Unterschied zu den Kanonenkugeln der Riesengeschütze, die meistens absolut rund geschliffen und hundertprozentig kalibriert sind, weisen Blidensteine eine abgeflachte Stelle auf, die der sicheren Einlegung in den Schleudersack diente (sie verhinderte das Wegrollen während des Schleudervorganges). Hier im Bild ist ein sehr sorgsam gearbeiteter Blidenstein auf der Landshuter Burg zu sehen, die als Radabweiser fungiert. Alle Landshuter Blidensteine weisen die typische abgeflachte Stelle auf.